Verlagsgruppe Oetinger

Thabo. Die Nashorn-Leseprobe
Thabo. Der Nashorn-Fall

Endlich! Der erste Kriminalfall für Thabo!

Auf Safaritour
Während die Touristen mit Onkel Vusi auf Safaritour sind, guckt Sifiso sich ihre Autos immer ganz genau an. In manche kann man sogar ohne Schlüssel einsteigen. Sifiso sagt, die Autos auf dem Parkplatz findet er tausendmal interessanter als Busch und Natur und Tiere. Busch und Natur und Tiere gibt es immer und jeden Tag kostenlos für jeden, aber Autos kosten.Dabei sind Busch und Natur und Tiere für die Touristen eigentlich auch nicht kostenlos. Busch und Natur können sie natürlich überall im Land gratis angucken, aber für Lion Park müssen sie bezahlen, wenn sie Elefanten und Nashörner und Löwen (die Touristen wollen immer Löwen, meine Damen und Herren) und Nilpferde und Krokodile und überhaupt Tiere von Nahem sehen wollen. (Dabei weiß ich gar nicht, ob sie sich auch so freuen würden, wenn sie denen außerhalb des Parks begegnen würden, mehr so zufällig irgendwo und ganz kostenlos. Touristen sind merkwürdig.) Onkel Vusi ist auf den Parkplatz gekommen. »Na endlich!«, hat er gesagt. »Sawubona, Sifiso. Na, hast du Thabo mal wieder die Arbeit abgenommen?« »Yebo«, hat Sifiso gesagt. »Viele Gäste heute Nachmittag?«Onkel Vusi hat einen Zettel aus der Tasche gezogen. »Nursechs!«, hat er gesagt. »Für dich ist noch Platz.«Sifiso hat wieder den Kopf geschüttelt.»Ich komm aber mit, Onkel Vusi!«, hab ich gesagt. »Gatter öffnen!«

Wir Kinder und die wilden Tiere
Ich dachte, es könnte vielleicht ganz gut sein, bei Onkel Vusi wieder für ein bisschen bessere Stimmung zu sorgen. Wenn ich dabei bin, muss er nämlich an den beiden Übergängen zwischen den verschiedenen Teilen des Parks nicht immer selbst aussteigen, um die Gatter zu öffnen. Und auch nicht, um irgendwas an den Pflanzen zu zeigen oder ein Chamäleon einzufangen oder sonst etwas zu tun, das die Touristen bei Laune hält, falls sie auf einer Safari nicht sofort mindestens eine Giraffe oder ein Zebra sehen. (Nach den ersten großen Tieren sind die Touristen dann meistens einigermaßen zufrieden, und Onkel Vusi und ich können eine Weile im Wagen sitzen bleiben. Und wenn wir Löwen sehen oder Elefanten, geht es den Touristen sowieso gut. Danach braucht auf der Rückfahrt nicht mehr viel zu passieren.) Onkel Vusi hat mich angesehen und geseufzt.
»Ja, dann komm mit, Thabo«, hat er gesagt. »Das gibt auch mehr Trinkgeld.«
Die Touristen, meine Damen und Herren, finden uns Kinder nämlich immer interessant. Ich habe mich gefragt, ob es in ihren Ländern vielleicht zu wenige davon gibt. In den Kriminalfilmen bei Miss Agatha sieht man jedenfalls überhaupt keine, ich achte schon immer extra darauf. Und wenn die Touristen zu uns kommen, haben sie auch keine Kinder dabei. Jetzt leihen wir den Engländern ja wenigstens für einen Teil des Jahres Emma aus. (Aber wo es ein Internat gibt, muss es natürlich eigentlich auch noch mehr Kinder geben. Also vielleicht finden die Touristen auch nur schwarze Kinder so spannend.)

Die Touristen kommen
Sifiso hat sich verabschiedet, als die ersten Gäste auf dem Parkplatz aufgetaucht sind. »Essen!«, hat er gesagt. In Wirklichkeit mag er es einfach nicht so, wenn die Touristen ihn
fotografieren. Seine Schuluniform und seine Schuhe zieht Sifiso natürlich immer gleich nach der Schule aus (um sie zu schonen, das tut ja jeder), und über die Kleidung, die er dann anzieht, wollen wir lieber nicht reden. Darum machen die Touristen immer gerne Fotos von ihm. Und Sifiso darf ihnen dafür nicht auf die Fresse hauen, weil er dann Ärger mit Onkel Vusi kriegen würde. (Verzeihung, meine Damen und Herren, ngiyacolisa, ich weiß, dass ein Gentleman »auf die Fresse hauen« nicht sagen würde. Ein Privatdetektiv aber bestimmt.)
»Warte, Sifiso!«, hat Onkel Vusi gerufen. Dann hat er mich in unsere Hütte geschickt, damit ich die Ananas holen sollte, die er gestern Abend aus der Lodge mitgebracht hatte. Wenn im Restaurant Sachen übrig bleiben oder so sind, dass man die Touristen nicht mehr dafür bezahlen lassen kann, dürfen die Ranger sie immer haben. Sifiso hat die Ananas gerne genommen. Da hat es sich für ihn doch wieder gelohnt, dass er den Touristen nie eine reinhaut und Onkel Vusi nicht wütend macht. Seine Geschwister freuen sich über die Ananas, hat er gesagt. Er hatte schon mal eine von Onkel Vusi bekommen. Ich hab am Jeep auf die Gäste gewartet und fröhlich gelacht, wie man das für sie soll, und ihnen die Leiter hinaufgeholfen. Die ersten beiden waren so ein Paar, das eigentlich graue Haare haben sollte, die hatte aber nur der Mann.(Aber nicht mehr viele.) Bei den Touristen, meine Damen
und Herren, haben die Frauen eigentlich nie graue Haare, obwohl sie meistens so alt sind, dass sie bei uns längst eine Gogo wären. (Aber ich habe ja schon gesagt, dass es in ihren
Ländern wahrscheinlich nur wenige Kinder gibt, da wird man nicht so leicht eine.) Der Mann ist die Leiter allein hochgekommen, bei der Frau musste ich ein bisschen helfen. Sie hat aber gelacht.
»Was für ein Abenteuer!«, hat sie gerufen.

Und dann passierte es...
Aber da hat Onkel Vusi schon nach vorne gezeigt. »Psssst!«, hat er geflüstert. Rechts am Wegrand, unter der großen Schirmakazie! Ein Nashornbaby!«
Sie können es mir glauben, meine Damen und Herren, oder es meinetwegen auch für Angabe halten: Schon in diesem Augenblick hatte ich ein schlechtes Gefühl. Das war einfach etwas, was es nicht geben sollte und was es normalerweise auch nicht gab: ein Nashornkalb ganz allein auf der Straße. Ein Nashornkalb, das sich nicht regte und rührte. (Nur sein Schwanz hat ein bisschen hin und her gependelt.) Ich habe blitzschnell zum Wegrand gegenüber geguckt. Wenn seine Mutter auf der anderen Seite graste und wir gleich zwischen den beiden durchfuhren, würde das der Nashornkuh nicht gefallen. Unser Wagen hatte nicht nur Beulen in der Motorhaube, sondern auch in den Seitenblechen. Aber ich hätte mir keine Sorgen machen müssen.
»Oh mein Gott!«, hat der alte Mann geflüstert. Die alte Frau hat jetzt so laut gestöhnt, als wollte sie ohnmächtig werden. Ich hatte auf die falsche Seite geguckt, darum habe ich es
erst nach ihnen entdeckt. Wir mussten keine Angst vor der Nashornmutter haben. Direkt vor ihrem Kind lag sie reglos im Elefantengras, ein riesiger grauer Berg mit einer Blutlache um ihren Kopf. Wo die beiden Hörner hätten sitzen sollen, waren nur noch zwei unvorstellbar große Wunden, von denen die Fliegen aufstoben. Da musste man gar nicht genauer hinsehen. Irgendwer hatte ihr die Hörner abgesägt. Sie war verblutet...

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