Verlagsgruppe Oetinger

Pippi Langstrumpf: Entstehungsgeschichte
Illustration: © Ingrid Vang Nyman

Wie alles begann ...


"Erzähl mir von Pippi Langstrumpf"

Genau genommen wurde Pippi Langstrumpf bereits 1941 geboren, als Astrid Lindgren ihrer kleinen Tochter Karin, die damals an Lungenentzündung erkrankt im Bett lag, eine Geschichte erzählen sollte. "Was soll ich dir denn erzählen?" fragte Astrid Lindgren. "Erzähl mir von Pippi Langstrumpf", bat Karin. Sie hatte den Namen in diesem Augenblick erfunden, und ohne zu fragen, was für eine Figur diese Pippi Langstrumpf sei, find Astrid Lindgren an zu erzählen.

Astrid Lindgren verstaucht sich den Fuß ...

Im März 1944 verstauchte sich Astrid Lindgren den Fuß und war nun ebenfalls gezwungen, das Bett zu hüten. Als Zeitvertreib fing sie an, die Geschichten von Pippi Langstrumpf aufzuschreiben. Eigentlich sollte es nur ein Geburtstagsgeschenk für ihre Tochter Karin werden, doch dann schickte Astrid Lindgren doch eine Kopie des Manuskripts an den Bonnier Verlag. ....Und bekam das Manuskript prompt mit einer Absage zurück.

Als der Verlag Rabén & Sjögren 1945 einen Kinderbuch-Wettbewerb ausschrieb, schickte Astrid Lindgren das leicht abgeändertet Pippi-Manuskript ein und bekam den ersten Preis! Weihnachten 1945 erschien "Pippi Langstrumpf" als Buch und die Lawine begann zu rollen.

Außergewöhnlicher Erfolg und herbe Kritik

Pippi Langstrumpf wurde zu einem außergewöhnlichem Erfolg - aber anfangs auch zum Streitobjekt, zumindest unter den Erwachsenen. Das Hauptargument der Kritiker war, dass diese Neunjährige mit der Stärke einer Riesin, die allein in der Villa Kunterbunt wohnt und tun und lassen darf, was sie will, zu einem schlechten Vorbild für Kinder werden könnte. Außerdem sei die Sprache schlampig und vulgär und das Buch demoralisierend. "Kein normales Kind", schrieb der geachtete Professor John Landquist in der Zeitung Aftonbladet, "isst eine ganze Sahnetorte auf oder geht barfuß auf Zucker. Beides erinnert an die Phantasie eines Irren." Er bescheinigte Astrid Lindgren, sie sei ohne Talent und unkultiviert und Pippi unnormal und krankhaft.

Die Kinder kümmerten sich zum Glück überhaupt nicht darum, was die Kritiker sagten. Sie liebten das freche Mädchen mit den abstehenden Zöpfen und jeder Menge Sommersprossen von Anfang an und lieben sie noch heute. Inzwischen erreichen die Bücher über Pippi Langstrumpf eine weltweite Auflagenhöhe von über 66 Millionen und wurden in 70 Sprachen übersetzt.


Wie Pippi nach Deutschland kam: 


Friedrich Oetinger reist nach Stockholm

Friedrich Oetinger, Jahrgang 1907 wie Astrid Lindgren, hatte 1946 seinen eigenen Verlag gegründet, dessen Schwerpunkte zunächst Sozial- und Wirtschaftswissenschaften waren. 1948 war er über den Tidens Förlag der Einladung eines Freundes nach Stockholm gefolgt.

Während seiner Reise besuchte er viele Buchhandlungen und stieß eines Tages schließlich auf ein kleines dickes Buch, das auf dem Titel ein Mädchen mit roten Zöpfen und verschiedenfarbigen Rutschestrümpfen zeigte. Als der Buchhändler merkte, dass Oetinger an Kinderbüchern und speziell an diesem interessiert war, sagte er, dieses Büchlein sei ein großer Erfolg. Es würde von den Kindern geliebt und von den Pädagogen leidenschaftlich diskutiert. Er fragte Friedrich Oetinger, ob er die Verfasserin kennen lernen wolle. Das sei gar kein Problem, die Autorin arbeite gleich um die Ecke.

Abbildung rechts: deutsche Pippi-Erstausgabe von 1949

Treffen mit Astrid Lindgren

"Und wenige Minuten später", so Friedrich Oetinger "saß ich einer stillen, liebenswürdigen Frau gegenüber: Astrid Lindgren. Glücklicherweise sprach sie Deutsch und so konnte ich ihr von meiner Arbeit erzählen und von dem, was ich über das kleine Buch erfahren hatte. Ich bat sie um eine Option. 'Das ist wahr' sagte sie, 'hier in Schweden ist Pippi Langstrumpf ein großer Erfolg geworden, aber sonst nirgendwo. Fünf deutsche Verleger haben es gehabt und sie alle haben es mir zurückgeschickt'. - 'Frau Lindgren', sagte ich, 'ich kann Schwedisch lesen und das Buch selbst beurteilen.' - 'Nun gut, versuchen Sie es', war Astrid Lindgrens Antwort."

Astrid Lindgren über Friedrich Oetingers ersten Besuch

Astrid Lindgren schildert die erste Begegnung so: "Als ich an einem Vorfrühlingstag 1949 in meinem kleinen engen Büro in einem alten nunmehr niedergerissenen Haus in der Oxtorsgatan in Stockholm saß, wurde ein deutscher Buchverleger angemeldet ... Etwas Derartiges hatte ich noch nie erlebt, und ich wartete neugierig. Herein trat ein sehr bescheidener Herr; ein sanftmütiger, braunäugiger, freundlich lächelnder Mann, der Franz Schubert auffällig ähnlich sah. Nach einem besonders erfolgreichen Verleger sah er nicht gerade aus. Er war in der Tat sehr dürftig gekleidet, aber während dieser ersten Nachkriegsjahre war es wohl in Deutschland nicht so leicht, elegant gekleidet zu sein. Der sanftmütig Blickende stellte sich vor ... und fragte, ob er eine Option für Deutschland bekommen könnte. 'Von mir aus gern', sagte ich."

Der Beginn einer Erfolgsgeschichte

Friedrich Oetinger konnte jedoch nicht so gut Schwedisch lesen, wie er behauptet hatte, also nahm er das betreffende Buch am Abend mit zu seinem Freund und dieser las ihm die ersten drei Kapitel vor, und wenn nicht schon die erste Begegnung mit der Autorin seine Begeisterung ausgelöst hätte, diese Stegreifübersetzung entschied für ihn alles. Er reiste mit Pippi heim.

So begann eine lebenslange Freundschaft, so wurde aus dem Wissenschaftsverleger Friedrich Oetinger ein Kinderbuchverleger, der sich auf skandinavische Kinder- und Jugendbuchliteratur spezialisierte und ihr mit Hilfe von Astrid Lindgren einen immer festeren und erfolgreicheren in der deutschen Nachkriegsliteratur einräumte.

Aus: Sybil Gräfin Schönfeldt: Astrid Lindgren.