Verlagsgruppe Oetinger

Leseprobe zu:

Jarven wird entführt

Jarven tat einen Schritt darauf zu. Sie begriff selbst nicht, warum sie auf einmal diese Furcht spürte. Wenigstens würde sie in der nächsten Nacht im Trockenen schlafen, sie wusste, wo der Schlüssel lag. Erst als sie vor der Tür angekommen war, sah sie die eingeschlagene Scheibe, das Fenster neben der Veranda hing in den Angeln. Irgendwer hatte eingebrochen, viel war im Lotsenhaus nicht zu holen. Aber es war auf allen Bildern der Befreiungsaktion zu sehen gewesen im letzten Sommer, vielleicht war es dadurch interessant geworden: Für Reisende, die sehen wollten, wo ihr König gefangen gehalten worden war, vielleicht sogar für Einbrecher. Jarven reckte den Arm und strich oben über den Türrahmen. Der Schlüssel lag, wo er liegen sollte.
Warum schlug ihr Herz so heftig, als sie ihn jetzt ins Schlüsselloch steckte? Warum zitterten ihre Finger? Das Haus sollte ihr Zufluchtsort sein, warum nur hatte sie dann auf einmal so furchtbare Angst?
Jarven lauschte. Die Stille, dachte sie. Diese Stille, die man hören kann. Nur Wellen und Möwen und ab und zu das plötzliche Rauschen der Blätter in einer Windböe. Die Stille ist mir unheimlich.
Sie drückte mit der Schulter gegen die Tür. Es war doch nicht verwunderlich, dass sie quietschte, wer hätte sie wohl ölen sollen in den letzten Jahren. Der kleine fast quadratische Flur, von dem die Zimmer abgingen, roch nach Staub und durch die zersplitterte Scheibe fiel ein Sonnenstrahl auf die hölzeren Bohlen des Bodens; in seinem Licht tanzten unzählige Staubpünktchen.
Die Zimmertüren standen offen und verstärkten das Gefühl von Verlassenheit und Trostlosigkeit. Ich muss mir jetzt überlegen, in welchem Raum ich heute Nacht schlafen will, dachte Jarven. Es gruselte sie bei dem Gedanken. Wenn es nicht regnet, kann ich ja wieder draußen bleiben. Aber erstmal gucke ich jetzt, wo ich schlafen kann.
Sie trat über die abgetretene Schwelle in den ersten Raum. Ein Kachelofen in der Ecke, dessen eine Fliese gesprungen war, zeigte an, dass hier einmal ein Wohnraum gewesen war. In der Mitte stand noch immer ein Tisch, vor langer Zeit glänzend poliert, jetzt voller Staub; daneben zwei Stühle. Jarven tat einen Schritt darauf zu.
Als sich von hinten ein Arm um sie legte, konnte sie nicht einmal mehr schreien.

Verzweifelt ist Jarven weggelaufen – vor ihren Mitschülerinnen, die sie hänseln, und vor Joas, von dem sie glaubt, dass er mit Ylva anbändelt. Am liebsten möchte sie wieder ein ganz normales Mädchen sein und keine Prinzessin. Sie flüchtet sich ins Lotsenhaus, das alte Geheimversteck ihrer Mutter. Doch Jarven wird dort schon erwartet …



zurück