Verlagsgruppe Oetinger

Leseprobe zu:


Oksa bahnte sich in ihrem mit Umzugkartons vollgestellten Zimmer am Bigtoe Square in London mühsam einen Weg zum Fenster. Sie zog das Rollo hoch und drückte die Nase an die kalte Scheibe. Mit kritischem Blick versuchte sie sich auf den regen morgendlichen Verkehr auf dem Platz zu konzentrieren. Dann seufzte sie tief.
"Bigtoe Square, daran muss ich mich noch gewöhnen", murmelte sie vor sich hin, die schiefergrauen Augen in die Ferne gerichtet.
Erst vor wenigen Tagen war die ganze Familie Pollock von Paris nach London gezogen. Nach ewigen Tuscheleien hinter Oksas Rücken hatte ihr Vater Pavel die Neuigkeiten mit dem ihm eigenen Ernst verkündet: Zehn Jahre lang sei er Chefkoch in einem renommierten Pariser Restaurant gewesen, doch nun habe er endlich die Chance, ein eigenes Lokal zu eröffnen. In London. Dieses Detail erwähnte er so beiläufig, dass Oksa glaubte, sich verhört zu haben.
"Meinst du London … in England?", hatte sie zögernd gefragt. Ihr Vater hatte sichtlich zufrieden bejaht und sofort weitergeredet, als er ihre verblüffte Miene sah.
"Es ist eine Chance, die man nur ein Mal im Leben bekommt", hatte er mit großem Nachdruck gesagt.
Marie Pollock hatte nicht lange gezögert. Ihr Mann war in letzter Zeit sehr unruhig gewesen, und ein Ortswechsel würde der ganzen Familie sicherlich gut tun. Und Oksa? Mit dreizehn Jahren hatte man natürlich nichts zu sagen. Eigentlich hatte sie keine große Lust gehabt, aus Paris wegzugehen, und schon gar nicht, ihre Großmutter und ihren besten Freund Gus Bellanger zurückzulassen. Oksa konnte sich ein Leben ohne die beiden nicht vorstellen. Doch als sie erfuhr, dass Dragonica und die Bellangers mit nach London kämen, war sie außer sich vor Freude. Alle, die sie liebte, würden dabei sein!
Gus’ Vater, Pierre Bellanger, hatte sich dem Projekt seines alten Freundes Pavel Pollock sofort angeschlossen, und nun würden beide zusammen bald das viel beschworene französische Restaurant eröffnen, von dem sie seit Jahren träumten.
Zerstreut beobachtete Oksa den Verkehr rund um den Platz, dann trat sie einen Schritt zurück und drehte sich um. Die Hände in die Hüften gestemmt, ließ sie den Blick durch den Raum schweifen und stieß einen langen Pfiff aus.
„Was für ein Drucheinander! Es wird Monate dauern, bis das alles ausgepackt ist!“
In jedem Zimmer standen Dutzende von Kartons. Es war weniger geräumig as in Paris, doch die Pollocks hatten das Riesengläck gehabt, ein typisch englisches, viktorianisches Haus aus rotem Backstein zu finden, mit einer Außentreppe, einem Erkerfenster und einem winzigen Hof mit einem schmiedeeisernen Tor. Das Erdgeschoss und der erste Stock wurden von Oksa und ihren Eltern bewohnt, die zweite Etage von Großmutter Dragomira, die bei ihnen wohnte, solange Oksa sich erinnern konnte.
In der Etage von Dragomira Pollock war das Ambiente sehr viel ungwöhnlicher als in den unteren beiden Stockwerken. In dem barocken, mit goldbraunen Wandteppichen behängten Wohnzimmer herrschte ein heilloses Durcheinander. Schuld daran waren eigenartige Geschöpfe, die offenbar darum wetteiferten, wer das größte Chaos anrichten konnte. Winzige goldene Vögelchen taten sich dabei besonders hervor. Sie nahmen Anlauf um den Kristalleichter und ließen sich dann wie Düsenjäger im Sturzflug fallen, um eine Art Kartoffel mit Lockenkopf zu piesacken, die auf dem purpurfarbenen Wollteppich umherstolzierte.
„Nieder mit der Diktatur der Mollusken!“, skandierten die winzigen Vögel. „Wir lassen uns nicht länger unterdrücken! Auf in den Kampf gegen den Weichtier-Imperialismus, Freunde!«
»He! Ich mag ja kurze Beine haben, aber ein Weichtier bin ich deswegen noch lange nicht. Ich bin ein Getorix!«, antwortete die Kartoffel und warf ihre lockige Mähne über die Schulter.
»Kommando zum Bombenabwuuurf! Es lebe die Befreiung des unterdrückten Volkes!«
Auf diese angriffslustigen Worte hin ließen die Vögel ihre gefährlichen Wurfgeschosse fallen: ein Dutzend Sonnenblumenkerne, die vom Rücken des Getorix abprallten.
»Unterdrücktes Volk, von wegen!«, maulte der, hob die Kerne auf und schob sie in den Mund.
Die ringsum stehenden Pflanzen reagierten sehr empfindlich auf diesen Tumult. Sie stöhnten und zappelten wie wild in ihren Töpfen. Eine von ihnen, die auf einem kleinen Beistelltisch thronte und besonders nervös war, ließ alle Blätter hängen. Sie sah aus, als würde sie frösteln.
»SCHLUSS JETZT!«, rief Dragomira. »Seht nur, in welchem Zustand die Goranov euretwegen ist!«
Die alte Dame raffte ihr weites violettes Samtkleid zusammen und kniete sich auf den Boden. Sie summte eine sanfte Melodie und massierte dabei die Blätter der verängstigten Pflanze, die mitleiderregend vor sich hin seufzte.
»Wenn ihr so weitermacht«, sagte Dragomira streng, »sehe ich mich gezwungen, euch zu meinem Bruder auszuquartieren. Und ihr wisst, was das bedeutet: eine SEHR lange Reise!«
Bei diesen Worten verstummten die Geschöpfe und Pflanzen augenblicklich. Alle hatten ihre letzte Reise in sehr schlechter Erinnerung, als Dragomira überstürzt und, wie sie fanden, unsinnigerweise nach London gezogen war. Sie hassten Transportmittel jeder Art. Zug, Schiff, Flugzeug, Auto: lauter teuflische Erfindungen, die nur dazu da waren, einem den Magen umzudrehen. Die Vögel hatten sich fast die ganze Reise über erbrochen, und die Pflanzen wurden beinahe von ihrem eigenen Chlorophyll vergiftet, das sauer geworden war wie abgelaufene Milch.
»Husch, husch, ab ins Atelier!«, befahl Dragomira. »Ich muss los, heute ist der erste Schultag meiner Enkelin. Helft mir bitte, liebe Plemplems!«
Zwei extravagante Geschöpfe in blauen Latzhosen wackelten eilig herbei. Eines der beiden war pummelig und sein Schädel mit zartem Flaum überzogen, das andere war spindeldürr und hatte ein zitronengelbes Haarbüschel auf dem Kopf. Doch ein paar Eigenschaften teilten die beiden: Sie waren nicht groß – nur etwa achtzig Zentimeter – und hatten ein pausbäckiges Gesicht und riesige blaue Augen, in denen bedingungslose Güte lag.
»Die Befehle unserer Huldvollen sind die ewige Freude, Ihr habt die Gewissheit unserer Unterstützung und unserer Beständigkeit«, sagten sie ernsthaft.
Dragomira ging auf einen riesigen Kontrabasskasten an der hinteren Wand zu und öffnete ihn: Er war leer. Dann legte sie die flache Hand auf die hölzerne Rückseite des Kastens. Sogleich schwang er auf wie eine Tür. Dragomira bückte sich, ging hindurch und steuerte auf die Wendeltreppe zu, die zu ihrem Atelier auf dem Dachboden führte. Die Plemplems nahmen jeder eine Pflanze in die Hand und folgten ihr brav. In ihrem Schlepptau betraten auch die anderen Geschöpfe den seltsamen Durchgang. Als die ganze Menagerie im Atelier angelangt war, schloss Dragomira den Kontrabasskasten hinter ihnen. Das Wohnzimmer sah fast wieder aus wie das einer ganz normalen Frau.

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Als ihre Eltern runterkamen, machten es sich alle drei in der Küche gemütlich und frühstückten ausgiebig und in gelöster Atmosphäre. Jedenfalls wirkte es so – doch in Oksa brodelte es. Immer wieder war sie kurz davor, von ihrem unglaublichen Erlebnis der letzten Nacht zu erzählen. Aber wie? Sollte sie aufstehen und es feierlich verkünden? Oder es wie beiläufig in einem Nebensatz erwähnen? Oder noch besser: ihre neu erworbenen Fähigkeiten vorführen! Zum Beispiel, indem sie das Geschirrtuch dahinten neben der Spüle durch die Luft segeln ließ. Oder die ordentlich auf der Fensterbank aufgereihten Küchenkräuter durcheinanderwirbelte. Die Idee war verlockend, aber es ging nicht. Oksa durfte nichts tun, nichts sagen. Niemandem. Es würden sie am Ende alle für ein Monster halten.
»Ich gehe in die Badewanne, Mama«, sagte sie.
»In Ordnung, mein Schatz.«
Während sie im warmen Wasser lag und auf die gekachelte Wand gegenüber starrte, die allmählich beschlug, versuchte Oksa ihre wirren Gedanken zu ordnen. Sie war erschöpft und stand gleichzeitig unter Strom. Es war ganz schön kompliziert. Was ihr da widerfuhr, war absolut fantastisch, so viel stand fest. Aber es machte ihr auch furchtbare Angst. Sie lehnte den Kopf an den Wannenrand und schloss die Augen.
Da hörte sie ein merkwürdiges Geräusch. Es war erst schwach, als würde es aus weiter Ferne kommen, doch dann schwoll es an und dröhnte ihr in den Ohren. Erschrocken richtete Oksa sich wieder auf. Sie schauderte, als ihr klar wurde, was sie nun sehr deutlich hörte: entsetzliche Schreie von Frauen! Sie fuhr zusammen, spitzte die Ohren und fragte sich, ob sie aus der Badewanne steigen sollte. Doch dann begriff sie, dass die Schreie weder aus dem Haus noch von draußen kamen. Nein, sie waren in ihrem Innern! Sie schwirrten durch ihren Kopf, hallten in ihrem ganzen Körper wider und erfüllten sie mit lähmendem Entsetzen. Dann wurden sie plötzlich dumpfer und verstummten so schnell, wie sie eingesetzt hatten.
Ungläubig sah Oksa sich um, tauchte unter und ließ nur Augen und Nase aus dem Wasser herausschauen. Ihr Herzschlag beruhigte sich gerade wieder etwas, als sie einen goldenen Schein auf den beschlagenen Kacheln an der Wand gegenüber bemerkte. Oksa schloss die Augen, und als sie sie wieder öffnete, war der Glanz verschwunden.
Ich sollte mehr schlafen, sagte sie sich, ich fange schon an, Gespenster zu sehen.
Dabei wirkte alles so real!
Kurze Zeit später stieg sie aus der Wanne. Als sie in ihren Bademantel schlüpfte, fiel ihr ein ziemlich großer blauer Fleck auf ihrem Bauch auf, direkt um ihren Nabel herum. Oksa fragte sich, wo sie ihn wohl herhatte. Er tat zwar weh, aber sehr viel weniger, als man bei der Größe und Farbe eines solchen Blutergusses erwarten würde.
Das muss ich Baba zeigen, sie hat bestimmt irgendeine Salbe für mich, dachte sie.
Sie zog sich an und ging zu ihrer Großmutter hinauf, die sie in einem langen Hauskleid aus nachtblauem Samt mit farbenfrohen russischen Stickereien empfing.
»Du siehst wunderschön aus, Baba.«
»Danke, meine Duschka. Wie geht es dir?«
»Gut. Aber ich wollte dir einen blauen Fleck auf meinem Bauch zeigen. Du hast doch bestimmt irgendeine Salbe für mich.«
»Zeig mal her.«
Oksa hob ihr T-Shirt. Beim Anblick des blauen Flecks schlug Dragomira vor Schreck die Hand vor den Mund.
»Wie lange hast du das schon? Warum hast du es mir nicht vorher gezeigt? Hat jemand anders den Fleck gesehen?«, stieß sie atemlos hervor.
»Das sind aber ganz schön viele Fragen für einen harmlosen blauen Fleck. Nein, ich habe ihn noch nicht lange, ich habe ihn gerade erst bemerkt. Aber ich bin vor drei Tagen hingefallen, vielleicht ist es dabei passiert. Äh … wie war die letzte Frage?«
Dragomira blieb stumm, was überhaupt nicht zu der redseligen Baba Pollock passte. Sie wirkte verstört, aber auch irgendwie elektrisiert. Dann begann sie mit glänzenden Augen unverständliches Zeug zu reden, wahrscheinlich auf Russisch, dachte Oksa.
»Und, Baba? Hast du nun eine Salbe für mich?«, fragte sie wieder.
Dragomira antwortete, immer noch mit ungläubiger Miene: »Ja, natürlich, meine Duschka.«
Kaum war Oksa wieder hinuntergegangen, begab sich Dragomira in ihr Streng-vertrauliches-Atelier. Die beiden Plemplems staubten gerade die Regalbretter mit einem winzigen Staubwedel ab und begrüßten ihre Herrin ehrerbietig. Dragomira tätschelte geistesabwesend die zerknautschten Schädel der beiden Geschöpfe und setzte sich an ihren Arbeitstisch. Sie schaltete den Computer an, öffnete das Mailprogramm und tippte hektisch:
Leomido, es ist etwas Unglaubliches geschehen: das MAL, ohne jeden Zweifel! Komm so bald wie möglich her! Ich nehme Kontakt zu unseren Freunden auf.
Deine Dich liebende Schwester
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Ihr habt mir etwas zu sagen? Ist es etwas Schlimmes?«, fragte Oksa beunruhigt in die große Runde.
»Das kommt darauf an«, antwortete ihr Vater. »Jedenfalls ist es sehr wichtig.«
»Ich möchte euch vorher aber gern etwas fragen. Darf ich?«, sagte Oksa zögernd.
»Frag ruhig«, forderte Dragomira sie auf.
»Ich weiß, dass ich es nicht hätte tun sollen, Baba … aber ich habe … etwas in deiner Wohnung gesehen.«
Ihre Großmutter stand auf, ging zur Küche und kam kurz darauf mit dem Geschöpf wieder, das Oksa durchs Schlüsselloch gesehen hatte. Oksa schrie überrascht auf und trat einen Schritt zurück.
»Oksa, ich möchte dir den Plemplem vorstellen«, sagte Dragomira. »Hab keine Angst. Er ist ganz harmlos.«
»Der Gutenabendgruß wird Euch entboten, Enkelin meiner Huldvollen«, sagte das Geschöpf und verneigte sich vor Oksa.
»Was … was ist das, Papa?«, fragte Oksa ihren Vater stammelnd.
»Es ist der Plemplem deiner Großmutter, mein Schatz.«
»Der WAS?«
»Der Plemplem. Eine Art Haus- und Hofmeister, wenn du so willst. Ein Plemplem und eine Plempline stehen in Dragomiras Diensten. Sie kümmern sich um den Haushalt und übernehmen allerlei andere Aufgaben«, sagte Pavel mit dem Anflug eines Lächelns.
»Das ist ja völlig verrückt! Und wo hast du die her, Baba?«, rief Oksa, ohne das Geschöpf aus den Augen zu lassen.
»Das ist eine lange Geschichte, meine Duschka, aber setz dich doch bitte erst mal zu uns.«
Oksa setzte sich neben ihren Vater auf das rote Samtsofa, gegenüber ihrer Großmutter und deren Gästen. Der Plemplem kam heran und bot ihnen Erfrischungen an. Neugierig nahm Oksa das angebotene Glas, um ihn von Nahem sehen zu können, doch sie traute sich nicht, ihn zu berühren.
»Das ist ja ein unglaubliches Geschöpf! Es muss ein Außerirdischer sein, oder?«
»Nein, es ist kein Außerirdischer«, antwortete ihr Vater.
»Dann habt ihr ihn also aus Russland mitgebracht und es ist ein Geschöpf aus der Steppe?«
»Weder die Außererde noch die Steppe sind der Zustand unserer Herkunft, Enkelin meiner Huldvollen, der Glaube ist von Irrtum getränkt«, erklärte der Plemplem und schüttelte dabei heftig den großen, runden Kopf.
Dragomira sah ihre Gäste fragend an. Alle senkten zum Zeichen des Einverständnisses den Blick. Sie holte tief Luft und erklärte: »Die Plemplems kommen tatsächlich weder aus dem Weltraum noch aus Russland, meine Duschka, sondern, wie wir alle hier, aus einem fernen Land. Dein Vater, Tugdual und du, ihr seid hier geboren. In dieser Welt. Doch das Heimatland der Ältesten unter uns ist Edefia.«
»Edefia? Davon habe ich noch nie gehört. Wo ist es?«
»Edefia ist unsere Heimat«, antwortete Dragomira. »Ein Land irgendwo auf der Welt, das jedoch nirgends verzeichnet ist.«
»Wie meinst du das, Baba? Eine Parallelwelt?«, unterbrach Oksa ihre Großmutter verwundert und fasziniert zugleich.
Leomido und Abakum lächelten.
»Ja und nein«, antwortete Dragomira und suchte nach Worten. »Es ist eine von einem Lichtmantel geschützte Welt, deswegen ist sie in den Augen der Von-Draußen unsichtbar.«
»Der Von-Draußen?«, unterbrach Oksa sie schon wieder.
»Die Von-Draußen, im Gegensatz zu den Von-Drinnen, sind alle Menschen, die außerhalb Edefias leben. Du musst dir Edefia wie eine riesige Biosphäre vorstellen, die niemand sehen kann.«
»Ja, vorstellen kann ich es mir. Vorstellen kann man sich alles. Aber es zu glauben, ist eine ganz andere Sache«, sagte Oksa.
»Deine Großmutter sagt die Wahrheit«, erklärte Pavel mühsam. »Außer Marie, die eine echte Von-Draußen ist und nichts von unserer Herkunft weiß, haben wir alle ein wenig von Edefia in uns. Obwohl einige von uns nicht dort geboren sind, gehören wir alle der Gemeinschaft an, die sich die Rette-sich-wer-kann nennt.«
»Die Rette-sich-wer-kann?«, staunte Oksa.
»Das sind die Flüchtlinge aus Edefia, mein Schatz. Ein Name, der genau das wiedergibt, was wir sind, ob wir es nun wollen oder nicht«, sagte ihr Vater bitter. »Ich habe eine Weile gebraucht, um diesen Teil von Edefia in mir zu akzeptieren. Jahrelang habe ich meine Wurzeln geleugnet, und ich bin immer noch nicht sicher, ob ich sie wirklich akzeptiere. Ich wollte genauso sein wie alle anderen, aber schließlich musste ich einsehen, dass ich nicht war wie die anderen Jungen, so wie ich heute auch nicht bin wie andere Erwachsene.«
»Ich bin auch nicht wie die anderen!«, rief Oksa unwillkürlich.
Alle Blicke wandten sich ihr zu. Sie war so fasziniert von all dem, was sie da erfuhr, dass es ihr herausgerutscht war. Sofort biss sie sich auf die Lippen.
»Heißt das, dass du gewisse, etwas außergewöhnliche Fähigkeiten hast, meine Duschka?«, fragte Dragomira.
»Äh … ein bisschen außergewöhnlich. Ja, ich glaube, das könnte man so sagen.«
Dann stützte sie die Ellbogen auf die Knie und legte das Gesicht in die Hände. Alle sahen sie erwartungsvoll an. Abakum nickte ihr aufmunternd zu.
»Also, ich kann schweben. Ich komme nicht sehr hoch, aber es ist genial«, erzählte sie stockend. »Außerdem kann ich Gegenstände bewegen, wenn ich mich auf sie konzentriere.«
»Der Magnetus! Wunderbar!«, rief Dragomira.
»Und ich schaffe es, kleine Feuerbälle zu werfen, aber ich weiß nicht genau, wie. Sie gehen von meiner Handfläche aus.«
Sie unterbrach sich, ganz verwirrt, weil alle ihr so gebannt lauschten.
»Und was noch?«, fragte Pavel leise.
»Ich kann jemandem aus der Ferne die Haare zu Berge stehen lassen«, sagte sie beim Gedanken an ihre erste magische Erfahrung.
Ihre Augen glänzten vor Aufregung, doch diejenigen, die sie besser kannten als alle anderen, ließen sich nicht täuschen. Dragomira und Pavel begriffen offenbar, dass Oksa von ihren Gaben zwar begeistert war, sie ihr zugleich aber auch zu schaffen machten. Die beiden steilen Falten auf ihrer Stirn zeigten es deutlich.
Viele Erlebnisse gingen Oksa durch den Kopf und stellten ihr Gewissen auf eine harte Probe. Sollte sie von McGraw sprechen? Oder von dem Fiesling? Sie hätte es am liebsten getan, doch ein unbestimmtes Gefühl hielt sie davon ab.
»Aber jetzt möchte ich erst mal etwas mehr über Edefia erfahren«, unterbrach sie abrupt ihren Bericht, um sicherzugehen, dass sie nicht doch zu viel erzählen würde.
Dragomira setzte sich in ihrem Sessel zurecht.
»Natürlich, meine Kleine, natürlich. Zunächst einmal kann man sich Edefia als riesiges Solarkraftwerk etwa von der Größe Irlands vorstellen, aufgeteilt in fünf Landstriche. In unserer Welt konnte sich das tierische, pflanzliche und menschliche Leben im Schutz des Mantels und respektiert von den Von-Drinnen unter idealen Bedingungen im Überfluss und in Harmonie entwickeln. Gleichgewicht war die Grundlage unserer Zivilisation und es bestimmte die Lebensweise jedes Einzelnen. Unser Volk bestand aus vier unterschiedlichen, aber miteinander verbundenen Stämmen: den Silvabulanern, den Handkräftigen, den Hochköpfen und den Alterslosen Feen.«
»Die Alterslosen Feen?«, unterbrach Oksa sie mit aufgerissenen Augen.
»Sehr geheimnisvolle Geschöpfe … Die Alterslosen lebten auf der Feeninsel, in einer Gegend, die nur ihnen zugedacht war. Ich wohnte in der Gläsernen Säule, die genau dort stand, wo die vier Himmelsrichtungen Edefias zusammenkamen. Dieses ins Kristall gehauene Gebäude war der Huldvollen, ihrer Familie und dem Pompament vorbehalten.«
»Was ist das Pompament?«, rief Oksa dazwischen. »Und wer ist die Huldvolle?«
»Das Pompament? Das, was hier die Regierung ist. Und die Huldvolle …«
»So hat dich der Außerirdische … äh … der Plemplem genannt!«, rief Oksa und sah zu dem kleinen Geschöpf hinüber, das hinten im Raum brav im Schneidersitz am Kontrabasskasten lehnte.
»Die Huldvolle ist die Herrscherin Edefias«, sagte Dragomira, ohne ihre Enkelin aus den Augen zu lassen. »Sie vereinigt alle Kräfte in sich. Sie ist die Einzige, die mit den Alterslosen Feen, den allmächtigen Göttinnen jener Welt, kommunizieren kann. Mit ihrer Hilfe sorgt die Huldvolle für Regen und für wohltuende und fruchtbare Sonnenstrahlen, die Edefia zu dem machen, was es ist. Oder was es war – eine üppige Welt, deren Reichtümer es uns erlaubten, im Überfluss zu leben, aber auch in Harmonie und Gleichheit. Die Huldvolle bewacht und erhält unser Gleichgewicht. Sie verfügt über die fabelhafte Gabe des Lichts, der Wärme und des Wassers – den Ursprung allen tierischen, mineralischen und pflanzlichen Lebens.«
»Bist du eine Huldvolle, Baba?«, fragte Oksa zaghaft.
Ihr Vater zuckte neben ihr zusammen, als Dragomira zustimmend nickte. Ihre stumme Bestätigung hatte gerade das Schicksal seiner Familie besiegelt.
»Erinnerst du dich noch an den Fleck auf deinem Bauch gestern?«, fragte Dragomira mit vor Rührung brechender Stimme.
»Mein blauer Fleck? O ja, den wollte ich dir eigentlich zeigen.«
»Ich weiß, meine Duschka … der blaue Fleck ist verschwunden, nicht wahr? Und jetzt hast du ein Mal in Form eines achtzackigen Sterns um den Nabel«, sagte die alte Dame.
Oksa blieb der Mund vor Staunen offen stehen. Automatisch legte sie die Hand auf den Bauch, eine ungeheure Neugier erfasste sie, Neugier und Unruhe.
»Woher weißt du das, Baba?«
»Weil es bei mir auch so war, vor über fünfzig Jahren. Wie meine Mutter und andere vor ihr hatte ich die Ehre, das Mal zu bekommen. Doch es ist verschwunden, als ich eine Rette-sich-wer-kann wurde. Und jetzt ist es auf dich übergegangen, Oksa.«
»Was hat das zu bedeuten, Baba?« Beklommen sah Oksa ihre Großmutter an.
»Das Mal zeichnet das junge Mädchen aus, das die nächste Huldvolle sein wird«, stieß Dragomira atemlos hervor. »Und das bist du, Oksa, du! DU BIST DIE ZUKÜNFTIGE HULDVOLLE EDEFIAS! UNSERE UNVERHOFFTE …«

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Als der Stundengong ertönte, hatten die Schüler es eilig, nach draußen zu kommen. Niemand hing am Ende einer McGraw-Stunde noch lange im Klassenzimmer herum, schon gar nicht am Donnerstagnachmittag, wo die Achtklässler der Wasserstoff die Letzten im Schulgebäude waren.
Nur Gus und Merlin ließen sich Zeit und packten ihre Sachen so langsam wie möglich ein. Oksa versuchte, einen Blick mit Gus zu wechseln, doch McGraw machte sich ein Vergnügen daraus, den Blickkontakt zwischen den beiden zu verhindern.
Oksa wurde ziemlich bang ums Herz, als sie Gus und Merlin davongehen sah. Und ihr sollte gleich noch viel banger werden: Denn als McGraw nun die Tür zuzog, sie einmal abschloss und sich zu ihr umdrehte, hatte er nicht nur ein teuflisches Grinsen im Gesicht, das Böses ahnen ließ, sondern auch ein Granuk-Spuck in der Hand.
»Aaah, Oksa, meine liebe Oksa!«, sagte McGraw hämisch. »Du hast mir ganz schön zu schaffen gemacht, weißt du das?«
»Ich bin nicht Ihre liebe Oksa! Lassen Sie mich gehen, Sie feiger Verräter!«
McGraw verlor keine Zeit, um das erste Granuk auf Oksa abzufeuern. Kaum war die Klassenzimmertür geschlossen, ging er zur Offensive über, und Oksa fand sich plötzlich in zwei Meter Höhe über dem Boden schwebend wieder, in den Fängen zweier Froschlinge, die sie unerbittlich an den Ellbogen festhielten.
Sie hatte zwar eine Attacke erwartet, aber nun hatte McGraw sie doch überrumpelt. Und darüber war sie stinkwütend! Wie hatte sie sich nur so hereinlegen lassen können? Jetzt hing sie da in der Luft und war völlig lahmgelegt. Sie zappelte wild herum, schleuderte die Beine nach vorn und nach hinten wie ein Pendel, um sich zu befreien. Doch die geflügelten Frösche hatten eine sagenhafte Kraft.
»Dich gehen lassen?«, sagte McGraw mit einem fiesen Lachen. »Du beliebst zu scherzen, hoffe ich. Jetzt, wo ich dich endlich habe, werde ich dich doch nicht einfach wieder gehen lassen, nur weil du das gern hättest. Huldvoll oder nicht, gegen mich kommst du nicht an.«
»Von mir werden Sie gar nichts bekommen! Niemals!«, schrie Oksa und strampelte erneut.
Plötzlich klopfte jemand an eines der Fenster zum Gang. Auf der anderen Seite stand Mortimer McGraw und machte seinem Vater ein Zeichen. Oksa, die immer noch im Griff der Froschlinge in der Luft hing, bedachte er mit einem gehässigen, schadenfrohen Blick. McGraw ging zum Fenster.
Oksa zögerte keine Sekunde, ihre Chance zu nutzen: In fiebriger Eile, angetrieben von ihrer Wut und dem Exzelsior-Befähiger, rief sie ihr Wackelkrakeel und ihr Ringelpupo zur Hilfe.
Die Operation »Befreiung Oksas« dauerte keine fünf Sekunden. Nun stand Oksa wieder fest auf dem Boden und war mehr denn je entschlossen, es mit McGraw aufzunehmen. Um nicht sofort entdeckt zu werden, versteckte sie sich unter einem der Tische.
»OKSA!«, dröhnte McGraws mächtige Stimme kurz darauf durch das Klassenzimmer. »OKSA! Du entkommst mir nicht, es ist sinnlos, dich zu verstecken!«
Anstatt darauf zu antworten, atmete Oksa tief durch, um sich zu konzentrieren. Dann fegte ihr Blick durch den Chemiesaal und ließ sämtliche Reagenzgläser und Fläschchen auf den Arbeitsflächen zerspringen. Feine Glasscherben regneten rund um McGraw nieder, die Chemikalien spritzten auf seine makellosen Schuhe und reagierten miteinander. Ein beißender Qualm bildete sich.
Der Lehrer stieß ein Wutgeheul aus und wischte sich mit dem nächstbesten Papiertuch zornig die qualmenden Schuhe ab. Oksa nutzte die Gelegenheit, um ihr Versteck zu wechseln, und kroch, sorgfältig in Deckung bleibend, unter einen anderen Tisch.
»Ich kann dich hören, du kleines Biest. Ich kann jede kleinste deiner Bewegungen hören, jeden Atemzug von dir. Mein lieber Freund Leomido – mein Blutsbruder – hat dir wohl nicht gesagt, dass ich die Fähigkeit des Flüsterlausches besitze?«
In diesem Augenblick schickte Oksa einen Magnetus zu den Wasserhähnen über den Arbeitsflächen in der Mitte des Saals. Sie drehten sich schlagartig auf und das Wasser donnerte mit solcher Wucht heraus, dass es fast waagerecht wegspritzte. Triefnass von Kopf bis Fuß setzte McGraw nun seinerseits den Magnetus ein, um die Hähne einen nach dem anderen wieder zuzudrehen, während Oksa sie postwendend wieder aufdrehte.
»Spiel dich nur auf, du wirst schon sehen!«
McGraw ging zur hinteren Wand des Klassenzimmers und legte einen roten Hebel um, der das Wasser komplett absperrte. Doch Oksa, deren Gehirn inzwischen wie geschmiert lief, schickte diesmal ein Lichterloh zum Garderobenständer, das McGraws Mantel und Hut in Flammen aufgehen ließ.
»Na, bist du jetzt zufrieden? Du hast die Kleidung deines Lieblingslehrers verbrannt. Nicht übel. Wie ich sehe, hat Dragomira dir einiges beigebracht. Aber das ist nichts, gemessen an dem, was dich erwartet!«, rief McGraw mit einem niederträchtigen Lachen. »Und wenn du endlich mir gehörst, dann ist diese runzlige alte Furie an der Reihe …«
Oksa richtete sich auf, obwohl sie dadurch Gefahr lief, entdeckt zu werden. »Ich verbiete Ihnen, so von meiner Großmutter zu sprechen!« Dann blies sie in ihr Granuk-Spuck.
»Ah, ah, ah! Du dummes kleines Ding! Du hast noch viel zu lernen!«
McGraw wich dem Tornaphyllon in letzter Sekunde aus, allerdings verpuffte die Wirkung nicht ganz. Aus heiterem Himmel brach plötzlich ein zwar kleiner, aber umso heftigerer Wirbelwind im Chemiesaal los, fegte entfesselt durch den Raum und warf alles um, was bisher noch verschont geblieben war. Die Blätter auf den Schülerpulten flogen durch die Gegend, die Neonröhren platzten und die Fensterscheiben zum Flur zersprangen.
Beeindruckt von dem Chaos, das sie erzeugt hatte, suchte Oksa unter einem anderen Tisch Schutz, zerriss sich dabei jedoch die Hose an den Glasscherben auf dem Boden. Sie machte sich so klein wie möglich und legte die Hände schützend um ihren Kopf – leider einen Moment zu spät: Ein paar umherfliegende Glasscherben trafen sie im Gesicht! Sie fuhr sich mit der Hand über Stirn und Wangen. Als sie sah, dass ihre Finger voll Blut waren, stieß sie einen Schrei aus, mehr aus Schreck als vor Schmerz. Und ihr Schrecken steigerte sich gleich noch um ein Vielfaches, als sie McGraws Schatten über sich bemerkte.
»Siehst du, ich habe es dir gesagt! Der Stärkere bin ich!«
Er blies in sein Granuk-Spuck, und Oksa entging dem Granuk nur um Haaresbreite, indem sie wie eine Rakete in die Höhe schoss. Diesmal vergaß sie nicht, rechtzeitig vor der Decke abzubremsen. Allerdings war McGraw eine Sekunde später neben ihr! Mit zwei Meter Abstand voneinander schwebten die beiden in der Luft und belauerten sich wie Raubtiere, bereit zum Angriff.
Plötzlich schoss ein hauchdünner, blitzartiger Lichtstrahl aus den Augen ihres verhassten Gegners. Oksa machte eine Rolle zur Seite, um dem Stromstoß zu entgehen, der hinter ihr mit einem fürchterlichen Zischen in die Wand einschlug.
McGraw, der aufrecht auf halber Zimmerhöhe in der Luft schwebte, wiederholte seine Attacke. Oksa rettete sich mit einem wilden Zickzackspurt über die Wände, rannte daran hinauf, stieß sich wieder ab und versuchte so den elektrischen Blitzen zu entgehen.
Nach mehreren solcher Runden beschloss sie, ihre Taktik zu ändern, und nutzte den Schwung ihres letzten Abstoßes, um sich in die Mitte des Klassenzimmers zurückzukatapultieren.
Da flackerte eine Erinnerung wie ein Gedankenblitz vor ihrem inneren Auge auf: Malorane in der brennenden Gläsernen Säule, verfolgt von Ocious und seinen Schergen, wie sie es durch Dragomiras Filmauge gesehen hatte. Das musste wohl der »Exzelsior«-Effekt sein!
Sofort grätschte sie die Beine, und etwa einen Meter über dem Boden schwebend begann sie, in schwindelerregendem Tempo um ihre eigene Achse zu rotieren – ihr ganzer Körper verwandelte sich in eine Waffe. Sie spürte, wie ihr Fuß gegen etwas schlug, bremste ab, blieb aber weiter in der Luft, während sie das Ergebnis begutachtete: McGraw war von Oksa-san, dem gefürchteten menschlichen Kreisel, getroffen und bis an die hintere Wand des Klassenzimmers geschleudert worden. Da lag er nun, mit zur Seite gesacktem Kopf und geschlossenen Augen, und schien das Bewusstsein verloren zu haben.
Doch die Atempause war nur von kurzer Dauer. Der unüberwindliche Lehrer schlug plötzlich wieder die Augen auf und hob sein Granuk-Spuck an die Lippen. Eine Viertelsekunde reichte ihm, um das winzige Kügelchen mit Blitzgeschwindigkeit auf Oksa abzuschießen.
Oksa konnte ihm nicht mehr ausweichen, und als sie auf ihr getroffenes Knie hinunterblickte, wurde ihr klar, was sie da gerade eben abbekommen hatte: ein PUTREFACTIO! Sie würde verwesen! Ein vernichtender Schmerz streckte sie nieder, sie stürzte zu Boden und kroch Schutz suchend und unter McGraws teuflischem Lachen hinter ein umgestürztes Regal.
Ob sie nun wohl sterben würde? Ja, ganz bestimmt würde sie das, hier in diesem verwüsteten Chemiesaal, fernab von ihren Liebsten. In ein paar Minuten würde alles vorüber sein und sie wäre nur noch ein Häufchen widerlichen verwesenden Fleischs.
Doch diese schaurige Vorstellung half ihr, all ihren Mut noch einmal zusammenzunehmen, sich trotz der fürchterlichen Schmerzen aufzurichten und auf McGraw zu zielen: »ARBORESZENS!«, schrie sie.
Und was sie nun sah, ließ sie mit einem Mal hoffen, dieser Hölle doch noch lebend zu entkommen ...



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