Verlagsgruppe Oetinger

Interview

Grit Poppe

Wo waren Sie am 9.11.1989 als die Mauer fiel und wie haben sie diesen Tag erlebt?

Der 9. November 1989 war für mich nur ein Tag in einer Reihe anderer unglaublicher Tage. Anjas Geschichte in „Weggesperrt“ endet nicht zufällig am 9. Oktober 1989, dem „Tag der Entscheidung“ in Leipzig. Dort demonstrierten 70 000 Menschen für Demokratie, Menschenrechte und Reformen – obwohl sie befürchten mussten, dass Polizei und andere Sicherheitskräfte gegen sie vorgehen.

Für mich persönlich fiel die Mauer erst am 10. November: statt zur Arbeit zu gehen, fuhren wir mit einem Trabi an den Grenzposten vorbei und landeten auf dem Kudamm in Berlin (West). Natürlich kam uns das wie ein Traum vor. 

Ein Hauptmotiv Ihres Buches ist "Freiheit". Was bedeutet Freiheit für Sie? Sie sind wie die Protagonistin Ihres Buches Anja ebenfalls in der DDR aufgewachsen. Gab es während Ihrer Kindheit/Jugend irgendein einschneidendes Ereignis, bei dem Sie das erste mal gespürt haben, dass Sie in Ihrer persönlichen Freiheit eingeschränkt sind.

Als Kind war mir der Sportunterricht besonders zuwider. Der wurde militärisch streng durchgeführt – so mussten wir z. B. von einem Turngerät zum nächsten marschieren; ich erinnere mich, dass ich angebrüllt wurde, wenn ich nicht richtig in der Reihe stand. Es gab viele solche Situationen, die ich als demütigend empfunden habe, weil man vor den anderen bloßgestellt wurde und sich nicht wehren konnte.

Besonders einschneidende Erlebnisse waren Besuche bei meinem Vater (der getrennt von uns lebte), wenn er von der Staatssicherheit beschattet wurde oder wenn Uniformierte vor der Tür standen. Das kam sehr häufig vor.

Ist Ihnen Anja als Figur beim Schreiben ans Herz gewachsen? Hat sie etwas mit Ihnen gemeinsam?

Ja, ich fühle mich Anja natürlich sehr verbunden. Ich habe beim Schreiben mit ihr gelitten – auch deshalb, weil viele Szenen in dem Buch stecken, die nicht erfunden sind, sondern mir so erzählt wurden – von Menschen, die in ihrer Jugend erfahren mussten wie es ist, drangsaliert, misshandelt und „weggesperrt“ zu werden.

Anja ist ein Teil von mir und doch wieder ganz anders als ich. So ist sie viel mutiger. Am Anfang der Geschichte ist Anja noch recht naiv – also so war ich auch mit 14. Naiv und verträumt. Den Hang sich aus der realen Welt „hinauszuträumen“ hat sie von mir.

Erinnern Sie sich noch an das erste Buch, dass Sie gelesen haben?

Die Trilogie „Die Söhne der großen Bärin“ von Liselotte Welskopf-Henrich. Als 8-Jährige las ich die drei Bände über den jungen Harka vom Stamm der Dakota immer wieder und lebte in einer Indianerwelt.

Waren Sie gut in Deutsch?

Ja; jedenfalls besser als in den anderen Fächern ;)


Mehr über Grit Poppe und ihre Bücher

Mehr über den Roman Weggesperrt

Vieles mehr über Grit Poppe und ihren neuen Roman erfährst du unter www.grit-poppe.de

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