Verlagsgruppe Oetinger

Warum einige Namen und Formulierungen in Lindgren-Klassikern geändert wurden

In letzter Zeit erreichen uns Anfragen von Lindgren-Fans, die in den Bänden der Astrid Lindgren-Jubiläumsausgaben textliche Abweichungen zu früheren Ausgaben feststellen. Silke Weitendorf, Verlegerin der Verlagsgruppe Oetinger, erläutert im folgenden Brief, warum an einigen Stellen eine Überarbeitung der bisherigen Übersetzung nötig war.

Silke Weitendorf und Astrid Lindgren Ende der 80er Jahre (c) Andreas Laible

Liebe Leserinnen und Leser,

Bücher aus der Kindheit kennt man häufig so gut, dass sich Sätze und Namen unvergesslich eingeprägt haben. Deshalb ist es nachzuvollziehen, dass Sie irritiert sind, in diesen Büchern plötzlich neue Formulierungen zu entdecken.

Der Grund dafür ist einfach. In der Vergangenheit wurden wir von Literaturkritikern, vergleichenden Sprachwissenschaftlern und Übersetzern auf fehlerhaft ins Deutsche übertragene Begriffe und Passagen sowie auf veränderte, zu stark eingedeutschte Namen kritisch hingewiesen.

Bei einer genaueren Überprüfung der alten Übersetzungen, die teilweise aus den frühen 50er Jahren stammen, mussten wir in der Tat feststellen, dass eine Überarbeitung sinnvoll ist. Wir haben diese Texte bereits zwischen 1986 und 1996 von Angelika Kutsch, einer der renommiertesten und erfahrensten Übersetzerinnen aus dem Schwedischen, überprüfen und den Originalen angleichen lassen. Nur in den Büchern von „Pippi Langstrumpf“ wurden 2007 erneute Veränderungen im Text vorgenommen. So nennen wir jetzt zum Beispiel erstmals alle schwedischen Eigennamen – und wenn Tommy und Annika ihre Mutter mit „Mama“ ansprechen, entspricht auch dies dem schwedischen Original.

Astrid Lindgrens Sprache ist von bestechender Einfachheit und Klarheit. Die deutschen Übersetzungen haben das nicht immer ideal abgebildet, obwohl sie mit Astrid Lindgrens Zustimmung entstanden sind. Ich selbst habe bei „Ronja Räubertochter“ und „Die Brüder Löwenherz“ mit ihr persönlich an Übersetzungen gearbeitet und dabei erfahren, wie kenntnisreich, kritisch und konstruktiv sie die Übertragung ins Deutsche beurteilen konnte. Diese beiden späten Romane wurden ganz wunderbar von Anna-Liese Kornitzky übersetzt, die auch von Astrid Lindgren sehr geschätzt wurde, und der wir u.a. die gelungenen deutschen Wortschöpfungen zu den Fabelwesen in "Ronja Räubertochter" verdanken.

Ich freue mich, dass die Neuausgaben der „Pippi-Langstrumpf“-Bücher im Jubiläumsjahr von Katrin Engelking hinreißend farbig illustriert wurden und sprachlich den Lindgren-Originalen so nah sind wie möglich. Vor diesem Hintergrund hoffe ich, dass Sie Verständnis haben für die behutsamen Veränderungen in den Ihnen vertrauten Texten – und vielleicht sogar, wie wir, eine Vielzahl spannender Entdeckungen mit der „neuen alten Astrid Lindgren“ machen.

Mit freundlichen Grüßen
 
Silke Weitendorf

VERLAG FRIEDRICH OETINGER, Verlagsleitung