Verlagsgruppe Oetinger

Mark Benecke: Kolumne 30. März 2012

30. März 2012

Warum Kinder die besseren Experimente- Versteher sind 

Kaum war das Experimentierbuch unter den Leuten (dritte Auflage ist in Sicht!), gab's die ersten Rückmeldungen. Die umwerfendste war in einem Artikel in der ZEIT. Dort stand, dass gegen unser Lockenfroschbuch "alle einpacken" können, weil es bei uns ums "Experimentieren selbst" geht, während die anderen immer was erklären wollen. So isses!

Am besten verstehen das Kinder. Vor wenigen Tagen haben wir im Audimax der Uni Essen mal ausprobiert, ob das ganze nicht nur in der heimischen Küche funktioniert (im Buch ist ein Experiment zum Teller abwaschen, alle Eltern freuen sich!), sondern auch in einem Riesen-Hörsaal voller ungefähr Siebenjähriger. Dazu schmissen wir alles, was wir im Quatschlabor fanden, auf die Bühne und schauten mal, was passierte.

Ergebnis 1: Kinder finden's super, wenn sich ein Riesen-Herz-Luftballon dank Brausetablettenmagie selbst aufbläst.

Ergebnis 2: Einen Knuddel-Ansturm auf den Assistenten Strecki löst es jedoch aus, wenn das Herz kein Luftballon ist, sondern sich von selbst aus einem großen Blatt Papier, das komischerweise trotz glimmenden Feuers nicht abfackelt, herausschält. Ich beneidete Strecki nicht um die harte Entscheidung, welchem der allesamt megacoolen Mädchen er das innere und das äußere des Herz-Umrisses schenkte ... Jede von ihnen hätte es verdient gehabt! 

Ergebnis 3: Kids wissen die Auflösungen für schräge Experiment-Ergebnisse von selbst, wenn man ihnen nur zuhört. Das liegt daran, dass sie keine erwachsenen Grundannahmen einführen ("Das kann doch nicht sein!"). Für Kinder kann eben alles sein. Und das ist auch richtig.

Manchmal liegen Jüngere wegen ihrer Vorurteilsfreiheit auch scheinbar daneben - in Wirklichkeit aber gerade nicht. Einzige aufgeregte Frage aus dem Publikum, nachdem ich durch Glasscherben gewandert war: "Wann ziehst Du die Socken wieder an?" Um meine Socken ging es im Experiment zwar nicht, aber gerade das Nebensächliche ist in meinem Job als Kriminalbiologe, der stets nur alltägliche Spuren einsammelt, das Wichtigste. Wenn ich die Wahl hätte, würde ich ab sofort immer Kinder mit zum Tatort nehmen. Sie denken ganz ohne Mühe so frei, wie man es Studierenden erst jahrelang antrainieren muss.

Erwachsene tun sich mit dem offenen Denken deutlich schwerer. Beim Verlag gingen beispielsweise zwei wütende Briefe ein: Man könne und solle Maden doch nicht in farbige Tinte tauchen und zum Kriechspuren-Verfolgen als Mini-Maler verwenden! Dass genau dieser evolutionäre Verschmier-Trick den Maden aber erstens total wurscht ist und zweitens deren Überlebens-Strategie bei Regen abbildet, darauf kamen die Schreiberinnen nicht. Denn Maden können Flüssigkeit (auch Tinte) an ihrer Hautoberfläche halten, um so riesigen Regenpfützen zu entrinnen, in denen sie sonst ertränken. Nur durch die Haft-Kräfte des Wassers können die Tiere an Bäumen oder Stall-Wänden hochklettern und sich vor den Fluten in Sicherheit bringen. Kindern leuchtet das sofort ein. Erwachsene fürchten erst mal Schröckliches.

Und damit endet mein Web-Ausflug auf dieser Seite. Ich freue mich schon sehr auf die kommenden Stinke-, Krach- und Spritz-Experimente mit Kindern, danke den JournalistInnen und LeserInnen für die schönsten und lustigsten und lässigsten Kommentare und Ideen - und vor allem habe ich wieder Hoffnung, das genügend Kids später in genau die Wissenschaften gehen, die alle anderen für doof und langweilig halten.

Möge es leuchten, funkeln, schmieren und rauchen!

Der Ihre, der Eure und immer noch janz bejeistert -

Mark Benecke

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